Daneben stellt sich natürlich die Frage, ob es langfristige Änderungen der Prioritäten in der US-amerikanischen Forschungspolitik geben wird. Der Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses im Repräsentantenhaus, Sherwood Boehlert (R-N.Y.), forderte vor kurzem, dass in den folgenden Bereichen die Forschungsanstrengungen verstärkt werden sollten:
Weitere Informationen
Es darf allerdings entgegen den Ankündigungen von Marburger bezweifelt werden, dass der Wissenschaftsberater tatsächlich substanziellen Einfluß auf die Regierungspolitik von George W. Bush haben wird. Und dies, obwohl die Voraussetzungen dafür durch die Eingliederung des OSTP in das Executive Office of the President gegeben wären. In einem Treffen mit Vertretern der EU-Botschaften in Washington DC meinte Eileen Claussen, die Leiterin des renommierten Pew Center for Climate Change, auf die Frage, welchen Einfluß des Science Advisors sie in den zentralen Fragen der Energie- und Umweltpolitik erwarte: Einen sehr geringen.
Bisher ist Marburger jedenfalls weniger wegen Empfehlungen an den Präsidenten als vielmehr durch eine radikale von so manchem Beobachter der Szene als zu radikal empfundene Reorganisation des OSTP aufgefallen. Die Reorganisation schien aber im Hinblick auf die in Washingtoner S&T Policy Kreisen immer wieder kolportierten chaotischen Zustände in dieser theoretisch so wichtigen Einrichtung, aber auch im Hinblick auf die notwendige Effizienz im Management des OSTP durchaus gerechtfertigt.
Die Erklärung Marburgers vor dem Senat, von dem seine Ernennung abhängig war, war dementsprechend bar jeglicher Vision und zeichnete sich durch das konsequente Vermeiden möglicher Streitfragen aus. Marburger sprach sich zwar unmissverständlich für eine starke Rolle der Regierung in der Formulierung forschungspolitischer Ziele und der Setzung klarer Prioritäten aus, unterstrich aber ebenso prononciert die wichtige Rolle der F&E Ausgaben der Unternehmen und bekräftigte dies mit der von Nationalökonomen oft zitierten Rendite von 30% auf privatwirtschaftliche Forschungsausgaben. Am deutlichsten wurde die sorgfältige Wahl eines mehrheitsfähigen Mittelweges beim Thema Umweltpolitik: er sprach zwar das Thema Klimaveränderung an, setzte aber dann seine Hoffnung im wesentlichen auf die Entwicklung neuer Technologien. Der Rest der Erklärung stellte eine Lobrede auf die bisherigen durch Forschung & Entwicklung erzielten Fortschritte und den für die Zukunft zu erwartenden Nutzen dar.
Interessant ist, dass der Leiter der Technologie-Abteilung des OSTP die andere Abteilung ist die Science-Abteilung eine Nominierung des Weissen Hauses ist, die in der Scientific Community auf wenig Gegenliebe stößt. Der Kandidat, Richard Russell, hat zwar als parlamentarischer Mitarbeiter der Republikaner im Wissenschaftsausschuß substanzielle politische Erfahrung, kann aber auf keine wissenschaftliche Ausbildung oder Tätigkeit verweisen.
Weitere Informationen
Berichte des General Accounting Office (GAO)
Das im Auftrag des U.S. Kongresses tätige General Accounting Office (GAO) ist eine unabhängige und unparteiische Einrichtung, die sich vornehmlich damit beschäftigt zu untersuchen, welche Verwendung die amerikanischen Steuergelder finden und wie die US-Regierung mit ihren Steuereinnahmen umgeht. Unter dem Motto "Verantwortlichkeit, Integrität, Zuverlässigkeit" sieht sich das GAO vor allem dem amerikanischen Steuerzahler verpflichtet. Hauptaufgabe des GAO ist die Evaluierung von "federal programs and policies", Prüfung staatlicher Ausgaben auf Eignung, Nutzen und Wirksamkeit und die Abgabe von Stellungnahmen zu wichtigen legislativen Entscheidungen. Die Arbeit des GAO zielt damit darauf ab, die Verantwortlichkeit der Regierung gegenüber dem Kongreß und den amerikanischen BürgerInnen sicherzustellen.
Zahlreiche Berichte der GAO beschäftigen sich mit Forschungs- und Technologieentwicklungsprogrammen und den sie verwaltenden Organisationen. So wurden auch in den verganenen Monaten einige hochinteressante Berichte veröffentlicht:
In einer vor kurzem veröffentlichten Erklärung zeigte sich die amerikanische Akademie der Wissenschaften über die Unmenge an unzutreffender, oder gar falscher, in der Öffentlichkeit zirkulierter Information über Anthrax und sonstige terroristische Bedrohungsszenarien besorgt. Die Akademie versuchte mit ihrer Erklärung, der Wissenschaft als Stimme der Vernunft und Besonnenheit Gehör zu verschaffen.
Während dies bereits in "besseren" Zeiten kein leichtes Unterfangen war, wird dies dann, wenn in einer Gesellschaft irrationale Ängste und reflexartige Reaktionen die Oberhand gewinnen, beinahe zum Ding der Unmöglichkeit: wie kann sich die Stimme der Wissenschaft Gehör verschaffen, wenn ihre Nachricht nicht das allgemeine Bedürfnis nach einfachen und raschen Lösungen befriedigen kann?
Wie kann sie komplexe Szenarien mit der gebotenen Sorgfalt analysieren, wenn simple Antworten auf scheinbar einfache Fragen erwünscht sind? Die Frage ist deshalb von so großer Dringlichkeit, weil gerade jetzt der Bedarf nach wissenschaftlicher Ausgewogenheit und kritischer Analyse am größten ist.
Der Umstand, dass politische Entscheidungen nur selten auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Informationen getroffen werden, ist jedoch nur eines von vielen Problemen, mit denen sich die Wissenschaft nach dem 11. September verstärkt konfrontiert sieht. Im Gefolge der Terroranschläge offenbaren sich die Kosten eines populären Mythos: die Wissenschaft, verlässliche Helferin, produziert eindeutige Lösungen und unumstößliche Wahrheiten! Schlimm genug, dass die Wissenschaft diesen Mythos nicht schon längst vehement als Wunschdenken entlarvt hat. Noch schlimmer ist, dass selbst in der Wissenschaft manche den Mythos eifrig nähren, solange er ihrer spezifischen Disziplin zum Vorteil gereicht.
Die Wissenschaft befindet sich in einem Dilemma: unrealistische Erwartungshaltungen drohen die eigentlichen Aufgaben der Wissenschaft unmöglich zu machen. Einerseits deshalb, weil die weitere Bestärkung unrealistischer Erwartungen an das, was Wissenschaft zu leisten imstande ist, zwangsläufig zu Enttäuschung und daher zu Misstrauen führen werden. Andererseits deshalb, weil der Zeitpunkt für die Verkündung der Wahrheit, dass viele der Probleme wesentlich komplexer sind und die Lösung mehr Zeit als allgemein angenommen in Anspruch nehmen wird, denkbar ungünstig ist.
Ein Beispiel dafür sind die Reaktionen auf das durch die jüngsten Ereignisse verstärkt ins allgemeine Bewußtsein getretene Bioterrorismus-Szenario: die Wissenschaft als Lieferantin eindeutiger Lösungen und unumstößlicher Wahrheiten.
Dieser Glaube hält sich so hartnäckig, dass selbst Wissenschafter, die es eigentlich besser wissen sollten, der Versuchung erliegen, die Ergebnisse ihrer Forschung als absolute Erkenntnis zu präsentieren: wissenschaftliche Erkenntnisse werden mit absoluter Wahrheit gleichgesetzt. Und allzu oft wird dann denjenigen, die dies anzuzweifeln wagen, Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen.
Bisher sind in den USA vier durch Milzbrand verursachte Todesfälle bekannt. Dies hat unter anderem zum Ruf nach einem Impfstoff gegen die Krankheit geführt. Nicht nur, dass mehr Geld in die relevante Forschung umgeleitet werden soll, wird nun gefordert, die üblichen, verhältnismäßig strengen Zulassungsvorschriften der Food and Drug Administration (FDA) in diesem Fall aufzulockern.
Die Biotechnology Industry Organization etwa sieht nun die Chance, einen seit langer Zeit gehegten Wunsch zu erfüllen, nämlich ein Gesetz, das die Haftung für Nebenwirkungen bei Impfstoffen für Kinder beschränt, auch auf Impfstoffe für Erwachsene ausdehnen zu lassen.
Beide Ansätze, das plötzliche Umdirigieren von Forschungsgeldern - nachdem die Gefahr seit Jahrzehnten bekannt war - und die Auflockerung von Zulassungsvorschriften, sind wissenschaftlich nicht gerechtfertigt, lassen sich aber - indem man WissenschafterInnen präsentiert, die genau das sagen - leicht als wissenschaftlich fundiert verkaufen. Das kann nur deshalb funktionieren, weil Unverständnis vom Wesen wissenschaftlicher Arbeit weitverbreitet ist.
Wenn es sich um "gewöhnliche" Krankheiten handelt, also nicht um solche, die laut Medien durch "terroristische Killerviren" ausgelöst wurden, herrscht in der Regel ein anderes Problem. Bei statistisch häufigeren und tödlicheren epidemischen Krankheiten - wie etwa der Influenza, an der in den USA jährlich 20.000 Personen sterben - besteht ob der kolportierten Nebenwirkungen von Impfstoffen sogar innerhalb der Risikogruppen wenig Bereitschaft, sich impfen zu lassen.
Beide Fälle, der panikartige "Run" auf Impfstoffe und der Verzicht auf die Impfung wegen kolportierter Nebenwirkungen, spiegeln eine profunde Unkenntnis des Wissenschaftsbetriebes oder zumindest ein eklatantes Desinteresse wider: Das primäre Interesse gilt dem Produkt, nicht dem dahinter stehenden Prozess. Ist die subjektive Einschätzung einer Infektionsgefahr groß und kann die Wissenschaft nicht sofort liefern, macht sich Ungeduld breit. Ungeduld, die auch nicht dadurch gelindert wird, dass Behörden wie die FDA eine Reihe offener Fragen, wie jene nach Nebenwirkungen, beantwortet haben wollen. Wird das Risiko einer Infektion subjektiv als gering empfunden und gibt es bereits einen Impfstoff, werden die Bedenken bezüglich Nebenwirkungen wach und auf die Impfung wird dann oft verzichtet.
In beiden Szenarien werden in Wirklichkeit nicht wissenschaftliche Argumente gegeneinander abgewogen, sondern wird Wissenschaftern bisweilen religiös anmutender Glaube geschenkt. Im Zuge einer höchst selektiven Wahrnehmung wird den Wissenschaftern geglaubt, deren Aussage am ehesten der eigenen, oft intuitiven Neigung entspricht: Wird die Impfung als essentiell gesehen, dann ist wissenschaftlich, was der Experte sagt, der die Nebenwirkungen leugnet oder in den Bereich der statistischen Irrelevanz abtut.
Oder es wird akzeptiert, dass Wissenschafter die ihnen eigentlich nicht zukommende Aufgabe der Interessenabwägung übernehmen - bzw. dazu genötigt werden - und Stellungnahmen abgeben wie "1000 Fälle, in denen die Schutzimpfung die Krankheit verhindern, rechtfertigen einen durch Impfstoff-Nebenwirkungen verursachten Todesfall". Wird die Impfung aber mangels aktueller Bedrohungsszenarien subjektiv als entbehrlich empfunden, dann ist wissenschaftlich, was der die Nebenwirkungen anprangernde Experte sagt.
Die Alternative ist zwar nicht unbedingt jedermanns Sache, aber es gibt sie und sie ist theoretisch allen zugänglich: der Versuch, die vorgebrachten Argumente in ihrem wissenschaftlichen Kontext zu verstehen, und diese Argumente gegeneinander abzuwägen.
Dies fordert nicht nur Laien, sondern auch die WissenschafterInnen, ihre wissenschaftliche Tätigkeit in einer für Laien verständlichen Weise zu kommunizieren und wissenschaftliche Aussagen von persönlichen Wertungen zu trennen.
Mit den Spätfolgen des allzulange tolerierten Mythos sind auch die Geistes- und Sozialwissenschaften konfrontiert. Im allgemeinen werden sie vom Mythos ohnehin nicht erfaßt. Da sie - für jede/n offensichtlich - keine eindeutigen Lösungen und unumstößlichen Wahrheiten produzieren, werden sie mit beeindruckender Regelmäßigkeit aus dem Bereich der wahren Wissenschaften hinausdefiniert.
Sind diese Wissenschaften dann einmal zu nicht wirklich wissenschaftlichen Wissenschaften erklärt - man denke etwa an den Begriff der "soft sciences" - stellen sie auch keine Bedrohung des Mythos mehr dar. Das ändert allerdings nichts am Umstand, dass die VertreteterInnen der "soft sciences" an der Wissenschaftlichkeit ihrer Beiträge zum Diskurs über beispielsweise den "War on Terrorism" festhalten. Das stört den Mythos dann doch erheblich.
Ein vor kurzem erschienener Artikel in der "Washington Post" beschäftigte sich mit dem Problem der wachsenden Intoleranz an amerikanischen Universitäten gegenüber Abweichlern, also Wissenschaftern, die andere oder differenzierte Sichtweisen der aktuellen Situation in die Diskussion einbringen. Zur Zeit besteht die Tendenz, jeden Ansatz einer rationalen und alle Perspektiven einbeziehenden Analyse der Krise als Versuch einer Verharmlosung der Ereignisse vom 11. September darzustellen.
Damit wird eine Grundaufgabe der Universitäten, nämlich die Pflege unabhängigen Denkens, einer harten Belastungsprobe unterworfen. Diesmal ist sie besonders hart, weil der Druck nicht von der Regierung kommt, sondern von einer Öffentlichkeit, die eine bestimmte Art des intellektuellen Umgangs mit den Ereignissen des 11. September, den Ursachen und den Folgen normiert hat. Dieser Druck zur mehrheitskonformen Interpretation kommt vielfach auch von Studierenden.
Die Erosion der spezifischen Rolle der Universitäten in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung hat natürlich lange vor dem 11. September begonnen und hat viele Gründe. Das gesellschaftliche Klima hat diesen Prozess aber beschleunigt und droht den komplexen gesellschaftlichen Konsens zu unterminieren, dass Universitäten und dort betriebenes Denken und intellektuelle Auseinandersetzung mit der Gesellschaft gefördert wird, und zwar auch dann wenn die Resultate wenig genehm sind.
Das menschlich verständliche Wunschdenken, die Wissenschaft möge uns statt Hypothesen und Theorien klare - und idealerweise auch die erwünschten - Antworten liefern, führt dazu, dass vielfach angenommen wird, die Wissenschaft könnte uns die Entscheidung darüber, wie wir mit den von ihr gelieferten Antworten umgehen, abnehmen.
Wenn in einer Gesellschaft derartiges "wishful thinking" nicht mehr als Illusion erkannt wird, dann erübrigt sich auch scheinbar die Ausbildung denkender Menschen. Das Denken übernehmen dann die WissenschafterInnen, die uns die Entscheidungen so aufbereiten, dass wir uns nur zwischen den von ihnen als "gut" und "schlecht" beschriebenen Optionen entscheiden müssen.
An die Stelle der Verifizierung wissenschaftlicher Argumente durch gebildete und denkende Laien treten dann Hierarchien und die Zertifikation als Experten: wahr ist es, weil es der Herr Professor sagt; wahr ist es, weil es mein Guru sagt; wahr ist es, weil es in der Zeitung steht; wahr ist es, weil sie eine anerkannte Expertin ist.
Weitere Informationen