Das German Language Village "Waldsee" ist eines von mehreren Concordia Language Villages, die wiederum Teil des Concordia College of Moorhead (Minnesota) sind. Christine Schulze ist die Executive Director der Concordia Language Villages. Das Grundprinzip der Language Villages ist es, Kindern und Jugendlichen zwischen 7 und 18 Jahren eine intensive Erfahrung einer fremden Kultur im eigenen Land zu bieten und sie dadurch für interkulturelle Themen zu sensibilisieren. Ein Auszug aus dem Mission Statement: "The curriculum of Concordia Language Villages is based on the affirmation of diversity, unity, peace, stewardship and justice. These key values for responsible global citizenship are rooted in the Judeo-Christian tradition of the college. The Concordia Language Villages program builds communities (called Villages) where these values are the norm for everyday life in a variety of cultural contexts. Ultimately, the program promotes individual responsibility for the care of the world and its people." Für mehr Informationen über die Concordia Language Villages siehe http://www.cord.edu/dept/clv/ .
Während meines Besuches, der von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends dauerte, hatte ich Gelegenheit, in Begleitung von Dan Hamilton an den verschiedenen Aktivitäten teilzunehmen, die den Tagesablauf der Schüler in Waldsee prägen. Es waren ca. 250 SchülerInnen der verschiedensten Altersstufen und 70 Betreuer anwesend. Am beeindruckendsten war es zu sehen, mit welchem Enthusiasmus die SchülerInnen hier Deutsch lernen. Diejenigen, die den vierwöchigen language immersion Kurs belegen, bekommen dafür einen credit, der einem ganzjährigen Deutschunterricht an einer Schule entspricht. Das tägliche Programm ist dementsprechend intensiv bei einer Reihe unterschiedlicher Veranstaltungen (Diskussionen, Grammatikunterricht, Töpfern, Unterricht am Naturlehrpfad, Rudern, Wandern, Theaterspielen etc.) sind die Schüler aufgefordert nicht nur mit den Betreuern, sondern vor allem miteinander Deutsch zu sprechen. Die BetreuerInnen machen einen durchwegs hochqualifizierten und enthusiastischen Eindruck. Am Nachmittag des Besuchstags nahm ich die Gelegenheit war, um einer Klasse über Österreichs politisches System und Österreichs Kultur zu erzählen und viele Fragen der SchülerInnen zu beantworten.
Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Mrs. Hamilton, die "Waldsee" ebenfalls seit Jahrzehnten verbunden ist, der Executive Director der Concordia Language Villages, Ms Christine Schulze, und Dan Hamilton gab es Gelegenheit, die Hintergründe des Village Gedankens und mögliche stärkere Kooperationen mit österreichischen Einrichtungen zu diskutieren. Nach dem Abendessen hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit Christine Schulze die anderen Villages in Bemidji zu besuchen (Französisches, spanisches und norwegisches Dorf).
Dan Hamilton begrüßte das nunmehrige österreichische Interesse an Waldsee, bedauerte aber gleichzeitig, dass Österreich in Vergleich zu Deutschland und zur Schweiz in Waldsee bisher unterrepräsentiert gewesen sei. Er würde es sehr begrüßen, wenn wir uns stärker engagieren würden. Ein solches Engagement könnte sich in folgenden Aspekten niederschlagen:
Kommentar
Aus österreichischer Sicht bietet "Waldsee" die Möglichkeit, dass sich unser Land einem jungen Publikum in all seinen Facetten positiv präsentiert. Wenn man bedenkt, dass immer wieder Kinder von amerikanischen Spitzenpolitikern in Waldsee Deutsch lernen so hat z.B. Chelsea Clinton mehrere Sommer zum Sprachstudium dort verbracht entbehrt eine verstärkte österreichische Präsenz auch nicht einer gewissen politischen Brisanz. Während die Schweiz und Deutschland vor Ort in jeder Hinsicht stark vertreten sind, ist Österreich in Waldsee unterrepräsentiert. Die mögliche Entwicklung des Center for Austrian Studies zu einer vorläufig regionalen Drehscheibe für "Educational and scientific Austrian activities" würde ein stärkeres Engagement in Waldsee ebenfalls nahe legen (siehe dazu die detaillierten Ausführungen weiter unten). Das Programm, über das Stipendien für Kinder aus sozial benachteiligten Familien für Waldsee organisiert werden, ist eine sehr lose organisierte Aktivität einiger Privatpersonen. Es würde dem österreichischen Image sicherlich zum Vorteile gereichen, wenn wir uns diesfalls in einer Schlüsselrolle im Rahmen einer stärkeren Integration des Programms mit den Botschaften der deutschsprachigen Länder engagieren.
Wie Prof. John R. Freeman in seinem Schreiben an Botschafter Dr. Peter Moser vom 15.6.2000 erwähnt hatte, beginnt im Herbst die intensive Phase der Suche nach einem permanenten Direktor für das Zentrum. So war es naheliegend, dass auch dies ein Bestandteil unseres Gesprächs war. Good und Weiss zeigten sich äußerst zuversichtlich, dass man in der Lage sein wird, aus einem Pool hochqualifizierter Personen auszuwählen und gehen davon aus, dass mit September 2001 dem Zentrum ein neuer Direktor vorstehen wird. Bezüglich der zukünftigen Pläne für das Zentrum wollte sich Prof. Weiss, der in der Vergangenheit äußerst engagierte Arbeit für das CAS geleistet hatte, nicht festlegen, zumal es dem neuen Direktor überlassen sein sollte, in welche Richtung sich das CAS entwickeln sollte.
Im Zuge unseres Gespräches gab es Gelegenheit, die grundlegenden kulturellen Unterschiede zwischen dem österreichischen und dem amerikanischen Zugang zur Forschungsförderung und der sich dabei entwickelnden Partnerschaft zwischen bureaucracy und academia zu thematisieren. Es herrschte Übereinstimmung, dass dies ein Aspekt ist, der in unserer Zusammenarbeit eine nicht unwesentliche Rolle spielt und mitunter zu Missverständnissen führen kann.
Sowohl Prof. Good als auch Prof. Weiss bekräftigten ihre Bereitschaft, enger mit "Waldsee" zusammenarbeiten zu wollen, gaben allerdings zu bedenken, dass der Umstand, dass die Waldsee Aktivitäten im Sommer stattfinden, die Zusammenarbeit naturgemäß etwas erschwere. Mir wurde zugesagt, dass man im Herbst mit "Waldsee" Kontakt aufnehmen wird.
Es wurde dann noch ausführlich darüber diskutiert, inwiefern sich das CAS tatsächlich als eine vorerst regionale Drehscheibe für educational and scientifc Austrian activities eignen würde. Dabei ginge es in erster Linie darum, auf dem vorhandenen Potential und den traditionell guten wissenschaftlichen Beziehungen zu Österreich aufbauend weitere wissenschaftliche-technologische Kooperationen anzubahnen. Prof. Good und Prof. Weiss würden eine derartige Strategie und diesbezügliche Aktivitäten begrüßen.
In Hinblick darauf, dass sich das CAS in Zukunft verstärkt in Forschungsaktivitäten engagieren will, die über den engeren Bereich der traditionellen Austrian Studies hinausgehen, wurde vereinbart, das neben der offensichtlich sehr guten Zusammenarbeit mit dem KI New York eine engere Zusammenarbeit als bisher mit dem Wissenschaftsattaché an der ÖB Washington stattfinden soll. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass einerseits im Bereich der unmittelbaren Forschungstätigkeit des CAS ein direkter Kontakt zum Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur im Wege des Wissenschaftsattachés besteht, und dass andererseits der Wissenschaftsattaché die Möglichkeit in Anspruch nehmen kann, über die CAS Kontakte neue wissenschaftliche Kooperationen vor allem in Technologiebereichen anzubahnen. Aus diesem Grund schlugen Prof. Weiss und Prof. Good vor, dass der Wissenschaftsattaché im Advisory Board des CAS mitwirken sollte.
Kommentar:
Mein Gespräch mit Prof. Good und Prof. Weiss war äußerst erfreulich und bot mir einige neue Einsichten in die Zusammenarbeit zwischen Bürokratie und Wissenschaft. Insbesondere hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass eine analoge Übertragung der in Österreich üblichen starken Verquickung von Bürokratie und Wissenschaft und der daraus resultierenden Tendenz der Bürokratie, eine inhaltliche Kontrolle über wissenschaftliche Einrichtungen ausüben zu wollen, vor allem im Forschungsförderungsbereich in den USA auf Unverständnis stoßen würde. So sehr fundraising ein zentraler Bestandteil der Arbeit eines jeden Wissenschafters im universitären Umfeld der USA sein mag, so ausgeprägt ist jedoch das Selbstverständnis, durch Funding von Dritten die wissenschaftliche Selbständigkeit nicht aufgegeben zu haben. Dies bedeutet, dass die Zusammenarbeit von Bürokratie und Wissenschaft in den USA noch mehr als in Österreich von einem betont partnerschaftlichen Verständnis getragen sein muss. Konkret bedeutet dies, dass insbesondere der Wissenschaftsattaché die Aufgabe hat, Partnerinstitutionen wie das CAS nach besten Kräften zu unterstützen: durch raschen Informationsrückfluss in das fachlich zuständige Ministerium und in die österreichische scientific community; durch aktives Lobbying für verstärkte Forschungstätigkeiten am CAS auch in Österreich; durch Mithilfe bei der Anbahnung von Kooperationen. Der Erfolg des CAS hängt nicht zuletzt auch von den Bemühungen in Österreich ab. Im Gegenzug darf man von einem Zentrum wie dem CAS erwarten, dass es über seine engere Bestimmung als Forschungseinrichtung hinaus willens und in der Lage ist, als Drehscheibe und als Vermittler für wissenschaftlich-technologische Kontakte auch in andere Disziplinen zu wirken. Darüber hinaus möchten die Wissenschafter in und rund um das CAS die Zusammenarbeit mit vergleichbaren Zentren in Nordamerika (v.a. Edmonton und New Orleans) intensivieren.
Mit Prof. David Good als Chair des Department of History hat Österreich das Glück, einen Österreich erfahrenen Wissenschafter in einer wichtigen Funktion an der University of Minnesota zu haben. Es gibt das CAS nunmehr seit 23 Jahren und damit zusammenhängend auch ein breiteres Interesse an Österreich als an vielen anderen Universitätsstandorten. Strategisch würde es durchaus Sinn machen, Minneapolis aktiv zu einem Zentrum für wissenschaftlich-technologische Kooperationsprojekte im Mittleren Westen zu entwickeln. Die Verfolgung einer solchen Strategie müsste sich allerdings darin manifestieren, dass von österreichischer Seite gezielt der Austausch wissenschaftlicher Exzellenz auch in naturwissenschaftlichen Bereichen gefördert wird. Darüber hinaus soll aktiv versucht werden, einen entsprechenden Dialog mit wissenschaftlichen Einrichtungen in Minnesota bzw. mit Repräsentanten der lokalen Wissenschafts- und Technologiepolitik einzuleiten.
In Hinblick auf die inhaltliche Ausrichtung und Weiterentwicklung des Zentrums empfiehlt es sich, sobald als möglich nach der Nominierung des neuen Direktors bzw. der neuen Direktorin, mit diesem/r Kontakt aufzunehmen, um auf diese Weise in einer frühen Phase einen entsprechenden Gedankenaustausch zu fördern. Es erscheint besonders wichtig, gerade in der Anfangsphase der neuen Leitung in engem Kontakt mit der Leitung und dem Advisory Board zu stehen.
Kommentar:
Die Einrichtung des Science Museums ist für die österreichische Wissenschaftspolitik von großem Interesse. Seit Jahren bestehen Pläne in Wien am Areal der Donauplatte ein solches Science Museum oder Experimentarium zu errichten. Die Pläne einer gemeinsamen Errichtung und Finanzierung durch das ehemalige Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr und die Stadt Wien waren bereits weit fortgeschritten, werden im Hinblick auf das Sparprogramm der Bundesregierung allerdings zur Zeit nicht weiterverfolgt. Im Zuge der vorbereitenden Arbeiten hatte man seinerzeit einige dieser Einrichtungen vor allem in Großbritannien und in den USA besucht und die Direktoren zu Expertenhearings nach Wien eingeladen. Ich bin mit den Ergebnissen dieser Vorarbeiten gut vertraut und war daher in der Lage die Vorbildhaftigkeit des Science Museum of Minnesota für Wiener Verhältnisse beurteilen zu können. Und tatsächlich haben sowohl der Lokalaugenschein als auch das Gespräch mit dem Direktor des Museums gezeigt, dass die Verhältnisse, unter denen dieses Museum gebaut worden ist, in ihrer Gesamtheit den Wiener Verhältnissen um vieles mehr entsprechen als die anderen mir bekannten Science Museums. Darüber hinaus bietet dieses Science Museum auch die Möglichkeit temporärer, d.h. zeitlich begrenzter Forschungsprojekte vor Ort, was für österreichische Forscherteams durchaus von Interesse sein könnte. In Hinblick auf die Strategie, Minneapolis zu einer vorerst regionalen Drehscheibe für educational and scientifc Austrian activities zu entwickeln, käme der Zusammenarbeit mit dem Science Museum of Minnesota zentrale Bedeutung zu.