Herbst 2002
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Rubrik: Forschung, Technik und Ethik

The “Jan Hendrick Schon Case”:
Ethik der Wissenschaften und das System wissenschaftlicher Wissensproduktion


Der Fall des Physikers Dr. Jan Hendrick Schön beschäftigt weiterhin die amerikanische Science Community. Schön, Jahrgang 1970, wurde bereits als künftiger Nobelpreisträger gehandelt, bis das “Beasley Committee”, eine Physiker-Kommission, eingesetzt von den Bell Laboratories, am Abend des 24. September 2002 ihr Urteil fällte: Aufgrund der Nicht-Wiederholbarkeit von Experimenten müsse es sich um Fälschungen wissenschaftlicher Ergebnisse handeln.
Während der Physiker nach wie vor seine Ergebnisse als korrekt bezeichnet, spricht die Untersuchungskommission davon, dass er über 4 Jahre hinweg Forschungen zu molekularen Transistoren gefälscht hätte. Betroffen waren an die 20 wissenschaftliche Publikationen von Schön und seinen Co-Autoren (welche alle von wissenschaftlichem Fehlverhalten freigesprochen wurden). Schön wurde umgehend von den Bell Laboratories/ Lucent Technologies entlassen. Wären Schön’s Ergebnisse zutreffend, hätte dies für die Computer Chip Industrie (und die Erträge von Bell/Lucent) revolutionäre Ausmasse gehabt.

Die naturwissenschaftliche Forschungsszene reagierte betroffen und diskutiert seither, wie es soweit kommen konnte. Neben dem bekannt zunehmenden Druck zur (Viel-)Publikation (und Schön hatte extensiv publiziert) stellt sich die Frage, warum Schöns Ergebnisse trotz geltend gemachter Bedenken der scientific community von den beiden höchst angesehenen Journalen der Naturwissenschaften, “Science” und “Nature” veröffentlicht wurden. Das Science Journal äussert die Vermutung, dass der Fall Schön nur so prominent werden konnte, weil zwischen diesen beiden führenden journals ein Konkurrenzkampf um “hot papers” mit revolutionären Ergebnissen ausgebrochen sei und dies auf Kosten von Kontrollen der Ergebnisse ginge.

Science Magazine veröffentlichte ein Statement zur weiteren Vorgangsweise in der Affäre. Der Ball wird an das Ethics Committee des Panel on Public Affairs der American Physical Society (APS) gespielt. Die Ursache im “Schön Case” wird von Science weniger im System der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion insgesamt gesucht, als vielmehr im Bereich der individuellen Verantwortlichkeit des Forschers: Ein Versagen der "professional responsibility" wäre die Ursache gewesen – und die Verantwortlichkeit der Co-Autorenschaft wird gemäss dem Motto “joint credits – joint liability” diskutiert.

Damit bekennt sich naturwissenschaftliche Parademedium Science weiterhin und eindeutig zum Verfahren der “peer review” als System der Prüfung der Reliabilität – der Qualitätskontrolle – von Forschungsergebnissen.

Sowohl "professional responsibility" als auch das Verfahren der peer review haben jedoch schon in anderen wissenschaftlichen Betrugsfällen in den USA versagt: Der “Fall Schön” erinnert an die erst im Sommer dieses Jahres gemachte Enthüllung, dass die Entdeckung des aufsehenerregenden “Elements 118” im Jahr 1999 durch das Lawrence Berkeley National Lab auf gefälschten Daten beruhte und rührt hier in den USA zusätzlich an die Erinnerung an Fälschungsfälle im Bereich der Biomedizin in den 80er Jahren: Während Schön einen Grossteil seiner papers alleine publizierte, hatten sich im Skandal der Harvard Medical School aus 1983 mehrere Mediziner von John Darsee auf den inkriminierten Publikationen als Mitautoren nennen lassen, ohne mit den Forschungen tatsächlich vertraut gewesen zu sein. Noch einen Schritt weiter ging der Kardiologe Robert Slutsky, University of San Diego, im Jahre 1985, als er nicht nur gefälschte Ergebnisse publizierte, sondern angebliche Co-Autoren auch noch ohne deren Wissen anführte.

Der Fall Schön wird nicht zuletzt aufgrund der internationalen Involviertheit heftig diskutiert (unter anderm hatten Schön und zwei Co-Forscher den “Braunschweig Preis” in der Höhe von US$ 50.000,- zurück erstattet) und der Hoffnungen, die die Industrie nach wie vor in die molekulare Elektronik und deren Anwendbarkeit in Computer-Chips setzt. Die Forschungen auf diesem Gebiet gehen dennoch weiter – vielversprechend, aber langsamer und vorerst ohne (vermeintliche) prodigies.

Dokumente, Andere Berichte zum Fall Schön und Analysen des Problemes:


.bundesministerium für bildung, wissenschaft und kultur
. bundesmonisterium für auswärtige angelegenheiten . bundesministerium für verkehr, innovation und technologie.
recent update:
31.10.2002
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